

Der Facettenreichtum des Phänomens Schädelkult scheint im historischen Europa unübertroffen. Kunstvoll bemalte Schädel in Beinhäusern zeugen ebenso von der Schädelverehrung wie kostbare Reliquien in Kirchen und Klöstern. In der Kunstgeschichte ist vor allem der Totenschädel als Memento mori bekannt. Die durch den Arzt und Anatom Franz Joseph Gall im 18. Jh. begründete Lehre der Phrenologie ist ein typisches europäisches Phänomen. Gall glaubte daran, dass anhand des Schädels die Charaktereigenschaften eines Menschen ablesbar seien. Die Jagd nach Schädeln von verstorbenen bedeutenden Persönlichkeiten wie Schiller steht damit im engen Zusammenhang.

Auch im Hinduismus und Buddhismus spielt der Kopf eine besondere Rolle. In Tibet sind zum Beispiel die als kapāla bezeichneten Schädelschalen weit verbreitet. Als Memento mori erinnern sie an die Vergänglichkeit des irdischen Seins. Eine besondere, wenn auch anders motivierte Schädelverehrung kennen auch einige Volksgruppen im Nordosten Indiens oder auf Borneo. Bei den Volksstämmen der Naga und Dajak war die Kopfjagd ein wichtiger Bestandteil des religiös-gesellschaftlichen Lebens. So spielte beispielsweise bei den Naga die erfolgreiche Kopfjagd vor einer Hochzeit für den jungen Bräutigam eine große Rolle.

Die pazifischen Inselstaaten werden unter dem Begriff Ozeanien zusammengefasst. Auch in dieser Region der Welt spielt die besondere Wertschätzung von Kopf und Schädel eine wichtige Rolle. Ein Beispiel für die Vielfalt des Schädelkult-Phänomens in Ozeanien sind übermodellierte Zeremonialschädel bei Totengedenkfeiern in Neuirland. Zwei Monate nach der Bestattung eines Verstorbenen wurde der Schädel für eine Zweitbestattung exhumiert und übermodelliert. Dazu formte man aus Bienenwachs und Tonerde einen breiten Mund mit wulstigen Lippen und bemalte die Schädel in den Farben schwarz, weiß, rot und manchmal auch gelb.

Der bekannteste Kopfkult in Nordamerika ist sicherlich die Skalpierung. Skalpe dienten bei vielen Stämmen als Beleg für Kriegsmut, Männlichkeit und Überlegenheit. Doch auch die nordamerikanische Kultur ist von einer Vielfalt an Schädelkulten geprägt. So sind aus Südalaska mumifizierte Köpfe hochrangiger Personen und erschlagener Feinde bekannt. Und auch die künstliche Kopfdeformation wurde von den sogenannten Flathead-Indianern praktiziert.

In fast allen Regionen und Kulturen Südamerikas gab es eine besondere Behandlung und Wertschätzung von Köpfen und Schädeln. Ein Synonym für Kopfkult auf diesem Kontinent sind sicherlich die Schrumpfköpfe wie sie von kleinen Gruppen der Jivaro im Süden Ecuadors hergestellt wurden. Eine ganz andere Form der Kopftrophäenbehandlung gibt es bei den Mundurucu-Indianern in Brasilien. Sie machten die Köpfe ihrer Feinde durch Räuchern haltbar und dekorierten sie mit Federn.

Kopfjagd und Schädelrituale gab es im 19. Jahrhundert bei den Völkern und ehemaligen Königreichen an der Küste Westafrikas und bei unterschiedlichen Stämmen in den Regionen Nigeria, Togo und Kamerun. Das Abschneiden des Kopfes war ein Triumphzeichen über den Gegner und ein Siegesbeweis gegenüber anderen Kriegern und dem Herrscher. In Kopf, Schädel, Unterkiefer oder Zähnen lebte die Kraft oder die Seele des getöteten Feindes weiter. Durch Rituale konnte sie kontrolliert und für eigene Zwecke genutzt werden.

Anlass zur Mannheimer Ausstellung „Schädelkult“ bot im Jahr 2008 die Wiederentdeckung der Schädelsammlung Gabriel von Max’ (1840 – 1915). Der Künstler und Darwinist besaß eine der größten Sammlungen dieser Art. Sie umfasste rund 500 Objekte aus Amerika, Asien, Afrika, Ozeanien und Europa. 1917 erwarb die Stadt Mannheim die Sammlung, die später in den Besitz der heutigen Reiss-Engelhorn-Museen gelangte. Im Rahmen eines Austausches 1935 gelangten große Teile davon an die Universität Freiburg. Nach dem Krieg galt die Sammlung als verschollen und wurde erst vor drei Jahren wiederentdeckt.